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Persönliche Bemerkungen zu den Anfängen der anarchistischen Bibliothek in Zürich

Die ganze Stadt Zürich wurde damit in Aufruhr versetzt. Frick suchte Unterschlupf bei einer Gesinnungsgenossin in Bern, Margarethe Faas-Hardegger, die auch bereit war, ihm allenfalls ein falsches Alibi zu geben. Zurück in Zürich, wurde er im August verhaftet und einvernommen. Trotz des Alibis und Fricks Beteuerung, unschuldig zu sein, wurde er vor ein Geschworenengericht gestellt, das ihn aber schliesslich mangels Beweisen im Oktober freisprach. Ein Jahr später beteiligte sich Ernst Frick an einem Überfall auf die Limmattaler Strassenbahn, die von Streikbrechern betrieben wurde.

Uebrigens war Genossin Faas-Hardegger seit dem Parteitag eine unserer besten Propagandistinnen. Eine glänzende Rednerin, unermüdlich tätig, verstund sie es ausgezeichnet, nicht nur in der öffentlichen Rede, sondern auch durch persönliche Propaganda die Menschen zu packen und zur Mitarbeit heranzuziehen; schrieb ihre 'Vorkämpferin' und die 'Exploité' ganz in unserem Sinn.

Zur selben Zeit fährt Erich Mühsam wieder einmal nach Bern, wo er auch Margarethe Faas einen Besuch abstattet. In seinem Tagebuch notiert er: »Die Kinder begrüssten mich voll Zärtlichkeit. Margrit selbst war, obwohl sie sicher schon von meinem Dasein orientiert war — wir haben eine Viertelstunde warten müssen — ganz erschrocken und sehr überrascht, lief, ehe sie ein Wort zum Gruss gesagt hatte, nervös aus der Stube, um einen Brief, der eben an mich abgegangen sei, von der Post zurückholen zu lassen, und erzählte dann von ihrem Schicksal. Damit steht es schlecht genug.« Tatsächlich scheint die Zeit des Aufbruchs für sie schon wieder vorbei zu sein: Emil Fey, ihr bibliophiler Untermieter, hat sich mit einem Koffer voller »unersetzlicher Bücher«, die er auf ihren Namen in der Landesbibliothek ausgeliehen hat, aus dem Staub gemacht. Kann sie den Schaden, der sich auf 45oo Franken beläuft, nicht bezahlen, soll ihr die Studienbewilligung entzogen werden. Mühsam ist voller Mitleid, doch gleichzeitig stösst ihn ihr nicht enden wollendes Elend ab: »Sie tat mir in ihrer hysterischen Haltungslosigkeit leid, zumal sie sehr gealtert ist. Herrgott, was war das vor zwei Jahren ... für ein blühendes, begehrenswertes Weib! «

Am 11 . November 1910, an Martini, stirbt ihre Mutter, die Hebamme Anna Susanna Hardegger-Blank. Die langen Nächte am Krankenbett sind vorbei, und Margarethe Hardegger kann sich wieder ihrem Studium widmen. Doch im Frühling 1911 droht man ihr, den Zutritt zu den Bibliotheken zu verweigern, da sie während der vergangenen Monate für Emil Fey, einen zweiundzwanzigjährigen Wiener, «links und rechts Bücher auslieh und die Bibliotheken öffnete», die Bücher jedoch nicht zurückgebracht hatte. Sie gab ihm auch einen kompletten Jahrgang der «Berner Arbeiterzeitung», der dem Anarchismusforscher Max Nettlau gehörte. Der Österreicher hat sich folglich «eine recht wertvolle kleine anarchistische Bibliothek zugelegt». Mit diesem Schatz von rund fünfzig Büchern aus der Landesbibliothek und der Stadtbibliothek flieht Emil Fey im Mai 1911 nach Wien. Margarethe Hardegger schmerzt insbesondere der Verlust der «Berner Arbeiterzeitung». Da hat sie Glück im Unglück.

Der Bücherdieb gerät im Wiener Prater mit dem Freund seiner ehemaligen Geliebten in Streit, sticht ihn nieder und kommt ins Gefängnis. Während er in Haft ist, kann Margarethe Hardegger fast alle Bücher zurückholen lassen. Es ist ihr bewusst, «dass es böse Absicht war, denn er sagte noch hier in Bern, eher werfe er die ganzen Bücher ins Wasser, als dass er sie wieder in eine andere Hand zurückgebe». Dennoch kann sie es 2Emil Fey nicht verübeln. Deshalb spielt sie den Diebstahl der Bücherherunter, und es gelingt ihr somit, «dass diese Büchergeschichte in seinem Gerichtsstand nicht gravierend mitwirkt».

So schafft sich Margarethe Hardegger Raum, kann sich etwas buchstäblich Neues aufbauen: eine Kommune am Pflugweg mit gemeinsamer Kasse und gemeinsamer Gesinnung. Ihr Vater, der kurz vor ihrem Gefängnisaufenthalt gestorben ist, hat ihr nämlich das zweieinhalbstöckige Häuschen im Schatten der Schokoladenfabrik Tobler vermacht. Dieses Haus aus dem Jahr 1890 existiert heute nicht mehr, wie es auch den Pflugweg nicht mehr gibt. Im Herbst 1913 jedoch lässt Margarethe Hardegger das Haus mit Giebeldach von ihren Freunden, allesamt Handwerker, renovieren. Monatelang ist es eher ein «Schutthaufen» als ein Heim, doch Ende Oktober ist das Chaos zwar «noch nicht bewältigt, wiewohl die Kameraden nun doch wenigstens mit ihren Arbeiten fertig sind».

Da wohnt beispielsweise die russische Medizinstudentin Iza Prussak, die bereits 1907 Johannes Nohl, den schwulen Freund Erich Mühsams, die «Süssigkeit weiblicher Liebe zum ersten Mal im Leben empfinden liess» und später seine Frau wurde. Dort lebt Alfred Knapp, deutscher Apotheker und Sekretär des Internationalen Ordens für Ethik und Kultur, der gern in Margarethe Hardeggers Bibliothek stöbert, «um die Probleme des Anarchismus etwas zu studieren».In jenem Haus mietet der Handlanger und zeitweilige Redakteur des «Sozialist» Ernst-Otto Jost mit seiner Familie die Wohnung im Erdgeschoss, bis er genug davon hat, dass Margarethe Hardegger regelmässig bei seiner Frau Lebensmittel ausleiht, die sie nicht mehr zurückerstattet. Am Pflugweg logieren Emil Fey, der Bücherdieb aus Wien, oder Jakob Jaffé, ein Student aus Russland. Die Polizei notiert über viele Jahre pedantisch, wer dort wohnt und wer häufig ein- und ausgeht.

In Margarethe Hardeggers Bibliothek befand sich ein überraschender Titel: die Erläuterungen zur «Götterdämmerung». Das Büchlein aus dem Reclam-Verlag gehörte zwar nicht ihr, doch muss sie es — wie so viele Leihgaben — nicht an den rechtmässigen Besitzer zurückgegeben haben. Es gehörte laut Stempel auf dem Einband Theodor Reuss. Möglicherweise ist es kein Zufall, dass Margarethe Hardegger gerade dieses Textbuch von Richard Wagners «Ring der Nibelungen» ausgeliehen hatte, geht es doch am dritten und letzten Tag des Opernszenarios um den Untergang des Abendlands.

Von Margarethe Hardegger und Hans Brunners Besitztümern behält Olga Uboldi ein paar wenige Möbel und die Bilder, die sie von befreundeten Künstlern geschenkt bekommen haben — darunter mehrere Gemälde von Ernst Frick sowie zahlreiche Holzdrucke von Carl Meffert aus seiner Zeit in Fontana Martina. Die Bibliothek, oder wie sie schreibt, »88o kg Bücher und Broschüren«, verkauft sie dem Zürcher Buchhändler und Kommunisten Theo Pinkus, darunter Erstausgaben von Sigmund Freud, mit persönlichen Widmungen versehene Publikationen von Mühsam und Landauer sowie die Gesamtausgabe des Sozialist. Weitere » 1600 kg alte Zeitungen« lässt sie als Altpapier entsorgen und füllt»vier Lastwagenanhänger« mit »Kehricht«, den sie in die Verbrennungsanstalt fahren lässt. Als sich der Friedensaktivist Virgilio Gilardoni wieder einmal nach dem Nachlass erkundigt, lässt sie ihn wissen: »Ich unter •schätze die Tätigkeit meiner Mutter nicht, aber ich glaube doch die nächste dazu zu sein, den Ballast wegzuräumen. Wie Hans Brunner und ich stets für ihre materielle Grundlage sorgten und ihr damit auch Mut machten, unser Aussen-Minister zu sein, so muss eben der Innen- Minister jetzt räumen und sortieren.« Die rund sechzig Archivkisten, die Margarethe Hardegger im Hof der Graziella deponieren liess, als sie einen zum Haus gehörenden Schober räumen musste, lässt sie weiterhin im Freien stehen. Sie sucht nur den Briefwechsel ihrer Mutter mit Rudolf Steiner heraus, den sie für eine nur ihr bekannte Summe nach Amerika verkauft. Als Peter Rückert, eines der Kinder, das im Entbindungsheim der Graziella zur Welt gekommen ist, Auskunft über die letzten Tage von Margarethe Hardegger und ihren Nachlass erbittet, verschweigt sie ihm, dass sie nichts unternommen hat, um die Korrespondenzen der Mutter für die Nachwelt zu erhalten: »Leider hat Mamma im letzten Jahr in einer Art Verwirrung die guten und schönen Bücherkisten mit dem schon geordneten Material einfach in den Hof gestellt, als der Stall gegenüber der Graziella für die Strassenverbreiterung geräumt werden musste ... Die Kisten blieben anderthalb Jahre in Regen und Schnee ungeschützt draussen. So wurde das historisch sicher wertvolle Material vollkommen unleserlich und musste mit dem Schutt der zuletzt abgebrochenen Ostwand in die Grube. Schade.« In letzter Minute gelingt es Theo Pinkus, drei grosse Kartonschachteln mit nur leicht beschädigtem Material zu retten. Er deponiert sie in einem Estrich in Zürich. In einer dieser Schachteln liegt obenauf der kleine schwarze Ordner.